Bitcoin Teaser

Bitcoins im Alltag oder: Wie ich meinen Gin Tonic mit Mathematik zahle

München, 18:30: Der junge Mann kommt auf mich zu und sieht mich wissend an. Ich lächle zurück, wir unterhalten uns kurz, anschließend zücke ich 135 Euro und geb sie ihm. Wir beide tippen ein wenig auf unseren Handys, kurz danach verabschieden wir uns.

Was wie ein Drogendeal klingt ist in Wirklichkeit mein Besuch in einer Wechselstube. Ich habe soeben die 135 Euro in 0.982 Bitcoins (BTC) getauscht. Bitcoins sind eine virtuelle Währung, die in den letzten Monaten Steil an „Wert“ zugelegt hat. Ich nutze deswegen die Klammern, weil der Bitcoin-Wert eigentlich von nichts als dem Vertrauen der Nutzer in die Währung definiert wird. Es steht keine Bank, kein Staat und erst recht kein Gold hinter Bitcoins, nur Mathematik. Theoretisch kann jeder einen der maximal 21 Millionen Bitcoins errechnen, praktisch sind die Rechenaufgaben inzwischen so komplex, dass sie nur dedizierte Mining-Rechner schaffen. Ich als Normalo kaufe mir Bitcoins also von anderen Nutzern.

Hätte ich das vor etwa einem Jahr gemacht, hätte mich 1 BTC so um die 8 Euro gekostet. Inzwischen ist der Preis rabiat gestiegen, bodenlos tief gefallen, wieder nach oben geklettert und wieder ein Stück abgestürzt. Aktuell (Feb 2014) kostet ein Bitcoin so um die 460 Euro.

Der Bitcoin Kurs im letzten Jahr.
Der Bitcoin Kurs im Oktober 2013.

 

Woher kaufen (und nicht stehlen)  

Die Bestätigung der Transaktion von LocalBitcoins
Die Bestätigung der Transaktion von LocalBitcoins

Aber ich schweife ab. Mein erstes Ziel war es, Bitcoins möglichst einfach zu bekommen. Es gibt zahlreiche Wechselstuben, etwa Coinbase.com (recht hübsch) oder Mt. Gox (recht verrucht). Ich habe mich aber für Localbitcoins.com entschieden, ein Angebot aus Finnland. Der Vorteil davon: Localbitcoins zeigt mir verschiedenste Zahlungsweisen an, von SEPA-Überweisungen über Money Orders bis hin zu Cash. Jeder Anbieter wird, wie bei eBay bewertet und man sieht die Kommentare aller bisherigen Kunden.

Ich will keine Überweisung tätigen, sondern meinen Bitcoin so anonym wie möglich kaufen. Deswegen suche ich nach einer Cash-Transaktion. Ich entscheide mich für Jimmy2K und tippe die Anzahl ein, die ich kaufen möchte. Jetzt geht die Arbeit von LocalBitcoins los: Jimmy2K hat dort, ebenso wie jeder andere Nutzer, eine Wallet in der seine Bitcoins gespeichert werden. Der Dienst bucht die von mir bestellten BTCs ab und verschiebt sie in ein Treuhänderkonto. Dort bleiben die BTCs bis die Transaktion bestätigt oder abgebrochen wird.

Die Bestätigung schickt Jimmy2K über sein Smartphone los, sobald ich ihm das Geld gebe. Kurz darauf empfange ich eine SMS auf meinem Handy, welche die Transaktion bestätigt. Jimmy2K erklärt mir die Vorteile von Localbitcoins: Da jeder Nutzer eine Wallet bei dem Dienst besitzt, werden Transaktionen innerhalb der Localbitcoins-Nutzer schneller übertragen, als dies im normalen Bitcoin-Netzwerk der Fall ist.

Vom Web aufs Smartphone

Der nächste Schritt ist die Übertragung meiner neuen Bitcoins auf mein Handy. Ich hab einen Blackberry Z10 und, total ungewohnt, es gibt den passenden Client in der Blackberry World. Für Android und iPhone gibt es natürlich auch Wallets. Bitcoins können zudem auf PCs gespeichert werden, auch hier gibt es Wallets für alle Geschmacksarten (ich nutze Multibit, einen enorm schnellen Client). Eine sehr gute Übersicht gibt es auf der Bitcoin.org-Seite.

Die Überweisung der Bitcoins ist einfach: Ich geb die Nummer (einer) meiner mobilen Wallets ein und schicke 0,5 BTC los. Der halbe Bitcoin erscheint kurze Zeit später auf meinem Smartphone. Bis ich ihn aber komplett ausgeben kann, muss er von anderen Endpunkten im Bitcoin-Netzwerk bestätigt werden. Das dauert nicht lang, laut Bitcoin.org zwischen 10 und 60 Minuten.

Der Bitcoin, gesendet von meiner LocalBitcoins-Wallet auf mein Smartphone.
Der Bitcoin, gesendet von meiner LocalBitcoins-Wallet auf mein Smartphone.

Und damit ist der Bitcoin auf meinem Smartphone. Angenehm einfach.

Ab in die Bar

Bitcoins kann man im Web relativ einfach ausgeben, diese Seite gibt einen guten Überblick zu den verschiedenen Anbietern. Das ist aber langweilig, ich will wenn dann im „echten Leben“ etwas damit zahlen. In München ist die Auswahl (anders als etwa in Berlin) nicht zu groß – der einzige Anbieter, den ich finden konnte, ist die Bar Niederlassung. Das ist praktisch, aus zwei Gründen: Die Niederlassung ist bei mir ums Eck und ich arbeite mich gerade durch deren Gin-Karte. Also auf geht’s.

Ich war auf eine Diskussion gefasst, tatsächlich lief es so ab: „Ich hab gehört, ihr nehmt Bitcoins?“ – „Ja, kein Problem.“ – „Äh, ok, ich nehm dann nen Geranium Gin Tonic“. Bezahlen ist einfach: Ich scanne den QR-Code der Niederlassung und tippe den Euro-Betrag samt Trinkgeld in meine App ein. Die Mobile Wallet wandelt die 12 Euro zum aktuellen Preis in Bitcoins um (0,0846 BTC) und schickt es in die Wallet der Bar. * Die Transaktion setzt eine aktive Internetverbindung voraus, in meinem Fall geschieht sie per 3G. Alternativ, etwa im Ausland, sollte der Händler eine WLAN anbieten, über das der Austausch ins Web gemeldet werden kann.

Die Bezahlung per BTC
Die Bezahlung per BTC.

Hier dauert die Bestätigung deutlich länger, nach etwa 15 Minuten ist sie aber da. Bezahlen mit Bitcoins ist also nicht viel komplizierter als eine EC-Kartenzahlung.

Das sieht auch Alex Schwarz, der Wirt der Niederlassung so. In einem kurzen Telefoninterview bestätigt er mir, dass er den Dienst gerne nutzt. Auch wenn aktuell nur wenige BTC-Bezahlungen annimmt (hauptsächlich vom Münchner Bitcoin Stammtisch) so sieht er da durchaus Potential. Der tatsächliche Vorgang ist für den Anbieter nicht komplizierter als EC-Kartenzahlung, so Alex. Für ihn ist es ein weiteres Zahlungsmittel, auch seine Kasse hat damit keine Probleme.

Fazit

Bitcoins sind einfach zu nutzen, sobald man sie hat. Die größte Hürde ist, meiner Meinung nach, die ersten Bitcoins zu kaufen. Die Wechselstuben sind ausgefeilt, dennoch braucht man Zeit. Die Überweisung an einen wildfremden oder einen beliebigen Dienst im Web ist auch nicht jedermanns Sache. Insofern finde ich den Treuhanddienst von LocalBitcoins nicht schlecht – insofern man dem Dienst vertraut.

Hürde Nummer 2 sind die Annahmestellen: Es fehlt einfach an Möglichkeiten, seine Bitcoins wieder auszugeben. Schade, denn eigentlich ist das System für Händler durchaus interessant: Es fallen keine Kosten bei der Übertragung an, anders als etwa bei EC oder Kreditkarten.

Es könnte sein, dass einfach noch Point-of-Sales-Lösungen fehlen, die Bitcoin direkt integrieren. Vereinzelt arbeitet etwa Coinbase an so einem System, allerdings auf English und ohne Integration in bestehende Kassensysteme. Oder es fehlt an Aufklärung bei den Händlern.

Meine erste Erfahrung mit Bitcoin ist positiv. Jetzt brauch ich nur noch Ausgabemöglichkeiten.

Habt ihr Erfahrungen mit Bitcoins oder kennt ihr Anbieter, vorzugsweise in der Real World, die Bitcoins annehmen? Ich freue mich eure Kommentare. 

Bildquellen: Selbst geschossen, bzw Bitcoin.org (das Beitragsbild).

* = Update: Hinweis auf Internetzugang hinzugefügt.

Über Moritz Jaeger

Mo steht für Moritz Jaeger. Ich bin freier Journalist aus München und schreibe unter anderem für den TecChannel, ComputerWoche, GameStar, PC-Welt, CIO, ZDNet oder Security-Insider. Dieses Blog ist privat, hier geht es vor allem um Themen rund um IT, Geek-Kultur oder Comics. Außerdem probiere ich hier immer wieder neue Möglichkeiten aus, es kann also sein, dass ein paar Dinge nicht so hipp/schön/ausgereift sind – aber dafür sind Blogs ja da.

2 Kommentare

  1. Auf Reddit gabs dazu vor kurzem auch einen passenden Beitrag: http://www.reddit.com/r/Bitcoin/comments/1ua5bn/i_went_to_a_bitcoin_party_and_realized_how/

    Da war jemand auf ner Bitcoin-Party und hat von der Überforderung der Barkeeper berichtet, die alle Transaktionen kontrollieren mussten. Dabei wurde auch ne recht coole App Idee vorgestellt: http://i.imgur.com/3rCU6nS.png

    Viele Grüße
    Pascal

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