Watch_Dogs und die Moral

Warum ich Watch Dogs (aktuell) nicht mehr spiele

Ich hab in zwischen ein paar Stunden in Watch_Dogs versenkt, inzwischen reizt mich das Spiel aber überhaupt nicht mehr. Und das liegt vor allem daran, dass es mich nicht so spielen lässt, wie ich es gerne möchte – obwohl das ja bei fast jedem Open World Spiel versprochen wird. Tatsächlich hab ich ein moralisches Problem.

Und da muss ich ein wenig ausholen: Wenn ich als Vigilante unterwegs bin, dann gibt es für mich zwei extrem gegensätzliche Spielarten: Punisher oder Batman.

Der Punisher steht dabei für den gnadenlosen Rächer, der jeden, der Unrecht getan hat, zur Strecke bringt und dabei alles andere als zimperlich ist. Sprich, solange keine Zivilisten in den Weg sind, wird auch mal ein Gebäude gesprengt, um jemanden zu erwischen. Der Punisher nutzt Schleichen nur, wenn es ihm in die Strategie passt, alternativ kommt halt das große MG und/oder ein paar Granatwerfer zum Einsatz.

Batman dagegen tötet nicht. Batman geht lautlos vor, die Bösewichte sehen ihn vielleicht noch kurz aus den Augenwinkeln, bevor sie ausgeschaltet (und dabei am Leben gelassen) werden. Batman nutzt Gadgets um die Gegner im Nah- und Fernkampf zu erledigen und sich allgemein einen Vorteil zu verschaffen.

So. Watch_Dogs möchte nun von mir gerne, dass ich wie Batman spiele (mit Gadgets, Hacks, etc), stellt mir aber nur die Werkzeuge des Punisher zur Verfügung – und das kann nicht klappen. Ein praktisches Beispiel: Es gibt keine Möglichkeit (zumindest hab ich keine gefunden), einen Gegner aus der Ferne auszuschalten ohne ihn umzubringen. Also zB durch einen Taser oder eine Stun Gun wie in Deus Ex. Stattdessen, und das ist kein Quatsch, gibt es neun Pistolen, acht Maschinenpistolen, sechs Schrotflinten, acht Sturmgewehre, fünf Scharfschützengewehre und zwei Granatwerfer. Diese Ausrüstung ist nicht für den heimlichen Rächer, der verdeckt operiert, sondern für den verfluchten Punisher. Oder Duke Nukem. Die einzige Möglichkeit eines nichttödlichen Takedowns ist der Nahkampfangriff.

Klar kommt jetzt der Einwand: Haha, da musst du die Leute halt in den Nahkampf locken oder dich anschleichen. Das mache ich auch. Und das macht Spaß. Aber es ist natürlich nervig und wenn man einen Fehler macht, dann ist es vorbei.

Mein zweites Problem ist der Aufbau der Missionen, vor allem der „Schmeiß die Gang aus Punkt X“-Nebenquests. Die laufen so: Ich darf jedes Gangmitglied umnieten, in die Luft sprengen oder sonstwie ausschalten, nur den Gangleader, der muss per Takedown ausgeschalten werden. Um, wie das Spiel sagt „ihm eine Lehre zu erteilen“. Also: Ich darf alle kleinen Helfer umlegen, aber der Chef, der wird nur zusammengeschlagen. Ich kenn mich mit Gangpsychologie nicht wirklich aus, aber ich geh davon aus, dass ein sauber ausgeknipster Gangleader abschreckender wirkt als ein paar Blessuren.

Oder, anderes Beispiel: Ich kam zu einem Handtaschendiebstahl. Nichts schlimmes, aber ich wollte es für ein paar Punkte verhindern. Das Problem: Der Dieb ist so schnell wie ich und lief auf der Haupstraße, sprich ich konnte nichts hacken, um ihn einzubremsen. Also, dachte ich, schieß ich ihm ins Knie (der Ladebildschirm hatte mich zuvor darüber informiert, dass das wohl bei Polizisten geht). Knarre raus, gezielt, Fokus aktiviert (das ist die Bullet Time von Watch Dogs) und ein sauberer Treffer ins rechte untere Bein. Was passiert? Der Dieb fällt tot um, die Umstehenden holen die Polizei. Ja, danke Watch_Dogs.

Aber, mein größtes Problem dabei ist die eigentliche Stärke von Watch_Dogs: Anders als bei anderen Spielen (etwa Far Cry 3 oder Saint’s Row III und IV) sind die NPC nicht gesichtsloses Futter. Jeder Bürger, egal ob Bösewicht oder Passant, hat eine Identität, die ich mit meiner Profiler-App checken kann. Und damit wird der Bösewicht, der das Parkhaus mit dem Gang-Chef bewacht, plötzlich ein Student mit einem mickrigen Jahreseinkommen als Grüßer in einem Laden und einer Affinität für Online-Rollenspiele – den soll ich umlegen, nur um an seinen Boss zu kommen? Nein danke.

Oder, gleiches Beispiel, die Bewacher von Blume Security, dem „bösen“ Konzern: Meist normale Familienväter, die halt für ein beschissenes Gehalt als Wächter arbeiten um die Knotenpunkte zu bewachen. Watch_Dogs ist kein Far Cry 3, bei dem es böse Militärtruppen und gute Rebellen gibt. Watch_Dogs verwandelt gibt jedem NPC ein Gesicht und eine Identität. Und da habe ich einfach meine Probleme damit, die kaltblütig umzulegen (und hey, das sagt ein Typ, der Soldier of Fortune II geliebt hat).

Fazit:

Watch_Dogs bleibt bei mir erstmal liegen. Zumindest bis ein Patch den PC etwas besser spielbar macht. Und dann wahrscheinlich, bis ich einen Taser oder zumindest Betäubungsgranaten bekomme. Schade eigentlich.

Bildquellen:

Ubisoft, DC, Marvel, zusamengebaut von mir.

Über Moritz Jäger

Ich bin freier Journalist aus München und schreibe unter anderem für den TecChannel, ComputerWoche, GameStar, PC-Welt, CIO, ZDNet oder Security-Insider. Dieses Blog ist privat, hier geht es vor allem um Themen rund um IT, Geek-Kultur oder Comics. Außerdem probiere ich hier immer wieder neue Möglichkeiten aus, es kann also sein, dass ein paar Dinge nicht so hipp/schön/ausgereift sind – aber dafür sind Blogs ja da.

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