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Telekom Stream On: Warum der Dienst die Netzneutralität gefährdet

Die Telekom bewirbt die neue Stream On-Option massiv, ich sehe fast überall entsprechende Werbung. Und es klingt gut: Videos und Musik zählen nicht zum Datenvolumen, entsprechend kann man wild streamen, ohne dass das Guthaben aufgebraucht wird.

Das Problem: Ich denke nicht, dass das Angebot gut für die Zukunft des mobilen Internets ist. Es gilt zum Beispiel nur für be

Die Dienste, die Stream On unterstützt.

stimmte Partnerdienste. Dazu gehören Apple Musik, Juke, Amazon Music, Napster und Radio Player – das Schwergewicht Spotify oder Deezer fehlen. Ähnlich sieht es bei den Videos aus. YouTube, Amazon Prime Video oder Netflix sind drin, ebenso die ZDF Mediathek. Die ARD Mediathek oder Vimeo fehlen.

Stolperfallen und Einschränkungen

Außerdem endet der freundliche Dienst an den Staatsgrenzen: „Die kostenfreien StreamOn Optionen gelten nur im Inland. Im Roamingfall wird das bei teilnehmenden Partnern verbrauchte Datenvolumen entsprechend des zugrundeliegenden Tarifs berechnet.“

Oh, und dann sind da noch ein paar weiter Pferdefüße: Es ist nicht so, dass jeder Kunde mit Magenta-Tarif automatisch den Dienst in der vollen Qualität nutzen darf – das ist abhängig vom Tarif.

Ihr habt MagentaMobil M (mindestens 38,20 Euro/Monat)? Jupp, dann gibt es nur Zugriff auf die Musikdienste. Ihr zahlt für MagentaMobil L, L Plus, L Premium oder L Plus Premium (zwischen 47,21 Euro/Monat und 96,70 Euro/Monat)? Dann dürft ihr auch Videos streamen ABER nur in „mobil-optimierter Übertragungsgeschwindigkeit“.

Nur wenn ihr MagentaEINS mit den superduper Optionen habt, bekommt ihr HD-Qualität. Was der Spaß kostet? Zwischen 67,46 Euro und 89,95 Euro pro Monat. Dafür gibt es neben Stream On nur maximal 10 GByte „High Speed Datenvolumen“.

Oh, und noch was: Damit der Anbieter sehen kann, was ihr für Dienste nutzt, muss euer kompletter Datenverkehr genau geprüft werden. Fühlt ihr euch wohl damit, dass die Telekom euren Traffic aufbricht, sich genau ansieht, mit wem ihr da kommuniziert, um ein wenig mehr Datentraffic zu bekommen?

Stream On attackiert Netzneutralität

Ok, was ist das größte Problem mit Stream On? Es bricht die Netzneutralität auf. Das klingt jetzt zunächst nicht so toll, aber Netzneutralität ist tatsächlich ein wichtiger Teil und mit der Grund, warum Dienste wie YouTube, Twitch oder Spotify funktionieren.

Netzneutralität legt fest, dass alle Daten gleich behandelt werden sollen. Denkt an eine Autobahn: Jeder darf alle Fahrspuren nutzen. Wird die Netzneutralität aufgebrochen, ändert sich das. Dann wäre etwa die Fahrspur ganz links nur noch dann zu nutzen, wenn man ein wenig extra zahlt (oder, im Fall von Stream On, mit einer bestimmten Automarke fährt).

Das schafft ein Zwei-Klassen-Internet. Wer extra zahlt oder wer bestimmte Dienste bevorzugt, der darf schneller surfen bzw mehr Datenvolumen nutzen. Oder, anders gesagt: Höre ich mir ein Lied auf auf Amazon Music oder Apple Music an, spare ich mir das Volumen, sagen wir mal 5 MByte pro Song. Höre ich das gleiche Lied auf Spotify, werden diese Megabyte gegen mein Volumen angerechnet. Das ist nicht fair und verschiebt das Gleichgewicht zugunsten der Dienste, die sich so etwas leisten können. Es gibt ein paar Videos, die Netzneutralität erklären, ich finde das hier zB ganz gut:

Denn Kosten fallen an für die Großzügigkeit der Telekom. Irgendwer muss die Rechnung zahlen, und das sind dann wieder die Firmen. Das bedeutet aber auch: Entscheidet sich zB Apple Music, dass man nicht mehr zahlen möchte, kann es durchaus sein, dass der Dienst aus Stream On fliegt.

Für Internetanbieter wie die Telekom sind solche Angebote interessant. Aktuell sind viele Anbieter „Bitpipes“. Das bedeutet, dass sie den Zugang zum Web liefern und ansonsten nichts mehr mit dem Verdienst zu tun haben. Mit Stream On und ähnlichen Angeboten (die Telekom ist mit diesem Vorstoß nicht allein) schaffen die Provider zusätzliche Verdienstmöglichkeiten. Das ist aus Unternehmenssicht interessant, kann aber einen negativen Einfluss auf die Entwicklung neuer Dienste haben. Wenn sich etwa das nächste YouTube, Twitch oder Apple Music die Zusatzkosten nicht leisten kann, locken sie vielleicht keine Kunden an und können nie erfolgreich werden.

Und es kann auch aktuelle Dienste betreffen: Netflix etwa hatte 2014 ein Problem mit immer langsameren Verbindungen. Das war zu einer Zeit, als der US-Anbieter Comcast mit Netflix darüber verhandelte, ob der Stream-Dienst nicht vielleicht ein wenig Geld lockermachen möchte, damit die Daten gut zu den Kunden kommen.

Die gemessene Geschwindigkeit von Netflix während der Verhandlungen mit Comcast. (Quelle: Washington Post)

Die Washington Post hat diese Grafik erstellt, die die Geschwindigkeit von Netflix auf Comcast-Leitungen vor, während und nach der Verhandlung (bei der Netflix einer Zahlung zustimmte) dokumentiert wurde. Seht ihr, ab wann Geld floss? Last Week Tonight hat da ein sehenswertes Segment dazu gemacht.

Bleibt von solchen Angeboten weg, bitte

Ich verstehe es, es ist schwer. Man kann sich leicht aufregen, wenn etwa ein EU-Kommissar wie Öttinger auf Taliban-ähnliche Entwicklungen schimpft und das Konzept als überholt erklärt.

Aber wenn es tolle Angebote gibt, mit denen man die Daten sparen kann und „die Dienste eh nutzt“, was soll daran so schlecht sein? Genau das ist es nämlich – mit kleinen Geschenken kommt man eher zum Erfolg. So schwer es ist, bleibt davon weg.

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Über den Autor

Moritz Jäger

Ich bin freier Journalist aus München und schreibe unter anderem für den TecChannel, ComputerWoche, GameStar, PC-Welt, CIO, ZDNet oder Security-Insider. Dieses Blog ist privat, hier geht es vor allem um Themen rund um IT, Geek-Kultur oder Comics. Außerdem probiere ich hier immer wieder neue Möglichkeiten aus, es kann also sein, dass ein paar Dinge nicht so hipp/schön/ausgereift sind – aber dafür sind Blogs ja da.

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