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Amazon Flex: Startet das ‚Uber‘ für Paketlieferdienste nach der Bundestagswahl 2017? [UPDATE]

Teaser Amazon Flex

Amazon scheint den deutschen Start von Amazon Flex vorzubereiten. Dieser Dienst verwandelt Privatleute oder Selbstständige in Paketfahrer für Amazon. Zwei Jobs, die direkt auf Flex in Deutschland zugeschnitten waren, tauchten bei Amazon auf und wurden wenige Tage später umgeschrieben beziehungsweise offline genommen. UPDATE: Amazon hat geantwortet, will aber nichts sagen. 

Es kann sich als Journalist lohnen, die Stellenanzeigen von großen Unternehmen zu durchforsten. Bei Amazon etwa erschienen Anfang September zwei Jobanzeigen: Head of Communications – Amazon Flex Germany und Head of Operations – Amazon Flex Germany. Im Text der Anzeige heißt es „Amazon Flex is currently building a high paced and lean Germany leadership team to implement and expand Flex capabilities across Germany.” Das klingt durchaus, als habe der Internethändler einen neuen Dienst mehr oder weniger direkt am Start.

Die Ausschreibung für den Head of Communications für Flex Deutschland. Unter der gleichen ID ist nun die Stelle für einen Communications Manager online.
Die Ausschreibung für den Head of Communications für Flex Deutschland. Unter der gleichen ID ist nun die Stelle für einen Communications Manager online.

Wenige Tage später waren die beiden Anzeigen anders geschrieben bzw komplett offline. Aus dem Head of Communications wurde ein „Customer Communications Manager“, allerdings war die ID des Job-Angebots mit 575240 gleich. In der Anzeige wurde jeder Hinweis auf Flex gelöscht, überhaupt liest sie sich sehr spärlich im Vergleich mit anderen Anzeigen für Amazon Jobs. Jobauschreibung Nummer 2 wurde komplett gelöscht, im Google Cache gibt es den Head of Operations aber noch.

Ein Head of Operations wurde für Flex ebenfalls gesucht - diese Ausschreibung wurde komplett offline genommen.
Ein Head of Operations wurde für Flex ebenfalls gesucht – diese Ausschreibung wurde komplett offline genommen.

Was ist Amazon Flex?

Flex ist die Antwort des Internetversenders auf Paketdienste. Amazon hat eigene Logistikzentren, die „letzte Meile“ vom Verteilzentrum zum Kunden allerdings ist in der Hand von DHL, DPD, Hermes, UPS oder kleineren Anbietern. Entsprechend ist Amazon hier von diesen Firmen abhängig.

Mit Flex soll diese Lücke geschlossen werden. Es funktioniert ähnlich wie andere Share-Economy-Produkte, etwa der Fahrdienst Uber. Jeder kann sich bewerben, nach einer Überprüfung durch Amazon wird dann entschieden, wer Fahrer werden darf. Nach positiver Rückmeldung kann man als Fahrer loslegen.

Flex USA: Hier bietet Amazon seinen Flex-Fahrern an, für Amazon.com, Prime Now und Fresh oder Amazon Restaurants zu fahren. Welchen Dienst man bekommt, ist abhängig vom Zeitfenster, das man gerade hat – für Amazon.com benötigt man zudem einen Viertürer.

Flex UK: In Großbritannien gibt es bislang nur Amazon.uk, sprich der Ausfahrer ist mit einem Auto, oder, als Ausnahme in London, mit einem Scooter samt Packbox unterwegs.

Beiden Systemen gleich ist, dass Fahrer sogenannte Zeitblöcke angeboten kommen. In diesen fahren sie Pakete und Lieferungen für Amazon aus. Die Blöcke sind zwischen einer und vier Stunden lang, verdienen kann man als Fahrer stündlich zwischen 12 Pfund und 15 Pfund (UK) bzw 18 USD bis 25 USD (USA). Bezahlt wird nach gebuchtem Block. Wer einen Vier-Stunden-Block in drei Stunden erledigt, bekommt dennoch Vier bezahlt. Wer länger braucht, bekommt keine Mehrvergütung.

Wichtig dabei: Fahrer sind nicht bei Amazon angestellt, müssen sich also selbst um Steuern und Abgaben kümmern. Zusätzlich kommen die Kosten für Benzin sowie die anderen Kosten für das Fahrzeug. Nicht ganz klar ist, wie es mit Unfällen aussieht, während man für Flex unterwegs ist oder wie der Versicherungsschutz für Fahrer, Fracht und Unfallbeteiligte geregelt ist.

Wie der Alltag eines Flex-Fahrers aussieht, hat Ars Technica in 2015 dokumentiert. Ein Reporter hat sich als Flex-Fahrer anstellen lassen und ist eine Schicht gefahren:

Flex in Deutschland: Ich will nicht spekulieren so lange es keine Kommunikation dazu gibt. Allerdings dürfte unser Stundenlohn aufgrund des Mindestlohns mindestens bei 8,50 Euro pro Stunde liegen. Dazu ist wahrscheinlich, dass es in Berlin und München neben den normalen Amazon-Lieferungen auch Prime Now geben könnte, immerhin ist das Angebot in diesen beiden Städten schon ausgebaut. Leider hat Amazon auf eine Anfrage nicht reagiert, siehe unten. Dazu ist interessant, wie Amazon das Problem der Scheinselbstständigkeit angehen will, wenn etwa eine Person nur noch als Fahrer für Flex unterwegs ist.

Warum dieses seltsame Verhalten von Amazon?

Hier kommen wir jetzt in die Spekulation. Fest ist: So ein Dienst kombiniert mit der Marktmacht von Amazon wird ein Heulen in der Paketdienst-Industrie auslösen. Sieht man sich an, wie Uber bekämpft wird, kann man sich in etwa vorstellen, welche Positionen die einzelnen Parteien, Gewerkschaften und Experten einnehmen werden. Dazu kommt, dass am 24.09 die Wahl ist und so ein Thema im recht faden Wahlkampf Zündstoff bieten könnte – wie überhaupt die Diskussion rund um Paketzusteller. Deren Arbeitsbedingungen sind regelmäßig im Fokus, sogar der Enthüllungsgroßmeister Wallraff hat sich an das Thema gemacht. Groß geändert hat sich gefühlt nichts.

Was sagt Amazon?

Wie es meine Sorgfaltspflicht ist, habe ich Amazon am 6. September um eine Stellungnahme gebeten. Der Eingang wurde am 8. September bestätig. Aus dem Versprechen, sich „in Kürze“ zu melden, wurde leider bislang nichts. Sobald sich Amazon äußert, wird der Beitrag aktualisiert.
Update (21.09.2017) Die Stellungnahme ist da und sie ist kurz: „Amazon hat hierzu keine Ankündigung gemacht und äußert sich nicht zu Spekulationen“.

 

Was sagen die Fahrer?

Blicken wir kurz in die Länder, in denen der Dienst angeboten wird: Das Subreddit der amerikanischen Flex-Fahrer ist ziemlich harmlos, in erster Linie geht es um seltsame Routenführung oder der Mechanismus hinter dem Zuweisen von Zeitblöcken. Auf Indeed.com beschweren sich die Fahrer über schwer einzuhaltende Quoten und die Unsicherheit, feste Zeiten zu bekommen.

Ähnlich sieht es bei Glassdoor aus. Vor allem wenn Kunden ein Paket als nicht zugestellt monieren, hat dies laut den Nutzern schnell negative Auswirkungen für den Fahrer. Moniert wird ein fehlender Kundendienst, bei Problemen hänge man in der Luft. Positiv sehen die Fahrer die Verdienstmöglichkeiten, für einen Nebenjob sei Flex nicht schlecht.

Fazit

Etwas seltsam ist, dass Flex weder in 2015 noch in 2016 in den jährlichen Berichten auftaucht (und 2016 wird dort sogar die Drohnen-Lieferung per Amazon Air erwähnt). Ich kenne mich zu wenig mit Investorenberichten aus, das müssten dann die Kollegen der großen Magazine genauer untersuchen. Parallel dazu sucht man Flex auf der Seite von Amazon UK oder Amazon.Com vergeblich, nicht einmal im Footer der ganzen Amazon-Dienste taucht es auf.

keinFlex
Zahlreiche Amazon-Dienste sind im Footer von Amazon.com zu sehen – Flex ist nirgends verlinkt

Die Kollegen der Manager Magazins waren bereits 2015 sicher, dass Amazon diesen Dienst auch hierzulande starten würde. Die Lieferbranche wird es mit gemischten Gefühlen sehen, wie der Experte Michael Lierow im Manager Magazin sagt: Ein so beschützter und regulierter Markt wie die Taxibranche ist der Paketmarkt nicht. Die Paketdienste können nichts dagegen tun.“

Ich bin gespannt, was Amazon noch kommuniziert.

Quellen: Header von Siala bei Pixabay (CC0), Video von Ars Technica, Bilder sind Screenshots der Amazon bzw Amazon Jobs Webseite.

Transparenzhinweis: Ich nutze auf diesem Blog den Amazon Affiliate Dienst.

 

Letzte Aktualisierung am 31.05.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Über den Autor

Moritz Jäger

Ich bin freier Journalist aus München und schreibe unter anderem für den TecChannel, ComputerWoche, GameStar, PC-Welt, CIO, ZDNet oder Security-Insider. Dieses Blog ist privat, hier geht es vor allem um Themen rund um IT, Geek-Kultur oder Comics. Außerdem probiere ich hier immer wieder neue Möglichkeiten aus, es kann also sein, dass ein paar Dinge nicht so hipp/schön/ausgereift sind – aber dafür sind Blogs ja da.

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